“Wissu mit su mir kommn?!”

Seitdem ich Single bin, hatte ich nicht mehr nüchtern Sex. Nicht auf zweiten Dates, nicht mit Menschen, denen ich eigentlich vertrauen sollte, nicht einmal, wenn mein Gegenüber Brause statt Bier bestellt.

Das sollte eigentlich ein selbstreflektierender und kritischer Artikel zum Umgang mit Alkohol auf Dates werden aber: Außer, dass viel trinken grundsätzlich keine super Sache ist, fallen mir beim besten Willen keine Gründe ein, die dagegen sprechen, einen sitzen zu haben, wenn man auf jemandem sitzt. Es folgt ein kleines Loblied auf den weltbesten Wingman.Schöntrinken

Sich jemanden “schöntrinken”

Fangen wir mit dem Klischee an: Sich jemanden schöntrinken. “Schöngetrunken” – das klingt primitiv, das will man nicht zugeben, dafür schämt man sich. Hat man denn keine Würde / keinen Stolz / Anstand (wird im “Ich-schau-auf-dich-herab”-Sprech häufig synonym verwendet), das hätte man doch gar nicht nötig. Auf Basis meiner Erfahrung weiß ich, dass das nur ein kleiner Ausschnitt jener verurteilenden Kommentare ist, die einem beim Berichten über das letzte Date um die Ohren gehauen werden, wenn man “Schöntrinken” erwähnt. Von den Blicken möchte ich gar nicht anfangen. Sich jemanden “schönzutrinken” ist nicht unbedingt das, was man als gesellschaftlich akzeptiert bezeichnen könnte, eher das Gegenteil: Es ist das hässliche Entlein der Dating-Tricks. Auf der Moralskala der öffentlichen Wahrnehmung liegt es weit hinter der “Ich will dich eigentlich nur ins Bett kriegen, sag ich dir aber nicht”-Verarsche und wahrscheinlich auch noch hinter dem Trick mit der falschen Nummer. Das finde ich ungerechtfertigt.

Denn wer schöntrinkt, sieht das Bessere in den Menschen. Das bisschen Hüftspeck, der latente Geiz, die etwas geschmacklosen Schuhe werden überstrahlt von der ganz witzigen Art, dem interessanten Job und der Tatsache, dass jetzt alles ein bisschen egaler ist. Daran kann ich nichts Schlechtes finden.

Überhaupt ist der Vorgang des “sich-Schöntrinkens” allein seiner Komplexität wegen irgendwie schön. Wann sonst tut unsere Wahrnehmung genau das, was wir uns wünschen, blendet aus, was wir blöd und hebt hervor, was wir super finden? Selbst bei Leuten, bei denen das Glas zum Überlaufen voll ist, spielt die Wahrnehmungsdiva nach ihren eigenen Regeln und versaut viel zu oft potentiell tolle Sachen durch zu aufmerksames Zuhören oder hässliche Hosen. “Schöntrinken” ermöglicht uns, Eigenschaften an unseren Dates zu sehen, die für uns sonst unsichtbar geblieben wären. Nüchtern hätten wir nach einer Pflichtstunde alles fertig in unsere Schubladen einsortiert, uns schon per SMS bei allen Freunden über die Schuhe lustig gemacht und uns überlegt, welche der drei Standardausreden heute am besten passt. Aber jetzt ist das Lämpchen an, irgendwie ist alles ganz okay, vielleicht haben wir sogar ein bisschen Spaß mit unserem doch nicht so unsympathischen Gegenüber. Wir geben der Sache eine Chance.

Es beim “sich-den-Gegenüber-Schöntrinken” zu belassen, greift aber noch zu kurz (Wie gesagt, “Schöntrinken” ist eine komplexe, ganz wunderbare Angelegenheit), denn es funktioniert auch umgekehrt.

Sich selbst “schöntrinken”

Ich möchte kurz etwas weiter ausholen: Wer datet, braucht starke Nerven. Zwar sollen die Arschlochfunken nur dann ein Feuer entfachen, wenn es auch wirklich passt, und dann war da auch noch diese Sache mit der Chemie, schon klar. Lösen wir uns aber von blumigen Disney-Idealen, sind erste Dates vor allem eines: Die Vorstellungsgespräche der Einsamen. Lebensläufe werden auf den Gegenüber angepasst, super Skills beiläufig erwähnt, intelligente Fragen konstruiert und die Interessen schnell nochmal umgeschrieben.

Irgendwie wollen wir uns ja doch verkaufen, und auch wenn das natürlich keiner gerne zugibt, werden gute Eigenschaften effektvoll präsentiert, schlechte hingegen unauffällig weggeschwiegen. Es gilt “So attraktiv, wie möglich; so ehrlich, wie nötig”, denn natürlich zählt erstmal der gute Eindruck. Und da haben wir den Salat: Eindruck – oder auch “ein Druck”.

schoengetrunken

Man sagt, unter Druck entstehen gute Teams, die besten Abschlussarbeiten und teure Steine sowieso. In meinem Fall führt Druck aber primär zu Nervosität, unangenehm feuchten Händen, einer affektiert hohen Stimme und einem Höchstmaß an Quatsch, den ich in peinlicher und schwer verständlicher Geschwindigkeit von mir gebe – ich bin aufgeregt, möchte gefallen und mache mich zum Idioten. Ziemlich sicher werde ich Protagonistin des nächsten BILD-Regionalteils (“Neukölln: verwirrte Frau….” – ihr kennt das), wenn ich mich nicht schnell bieruhige, höhö.

Um runterzukommen könnte ich natürlich auch an Omis Lavendelkissen schnuppern, vorher einen Moment im herabschauenden Hund verweilen oder ein paar mal sehr tief in den Bauch atmen. Ich greife aber lieber zum Bier, weil ich weiß, dass “Jemanden schöntrinken” und “mich beruhigen” noch nicht alle Wohltaten sind, die mein Lieblings-Wingman für mich bereithält. Denn nicht nur meinen Gegenüber, sondern auch mich macht er schön.

Ich kann gar nicht so schnell trinken, wie Selbstbewusstsein und Mut in die Höhe schießen: Bereits nach einem Bier hat sich meine Stimme beruhigt und ist wieder auf Normal Null. Ungefähr bei der Mitte des zweiten Bieres fällt mir auf, dass ich seit 5 Minuten meinen Bauch nicht mehr einziehe. Was soll’s, ich bin bestimmt trotzdem sehr attraktiv. Bier drei: Nicht nur mein Bauch, sondern auch meine Zunge macht sich locker. Gesprächstechnisch erreicht der Abend seinen Entertainment-Höhepunkt, denn endlich reden wir über die Ex (Ich bin nämlich viel cooler.). Bier vier: Ich betrachte mich im Toilettenspiegel und bin begeistert, wie gut Make-Up und Haare noch sitzen (immer, auch bei Regen). Bier fünf: Gehirn und Selbstbewusstsein gehen getrennte Wege. Zwar ist mir minimal schlecht, aber vor allem habe ich sehr viel Spaß.

Allein durch die Nacht ist jetzt keine Option mehr. Letztes Bedenken und Hemmung geben auf für heute, Vernunft lallt noch irgendwas von “Kondom” und Neugier und Herz fragen “Wissu mit su mir kommn?”

Meinungen?

Post A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.