Wir sind alle ekelhafte Stalker

Das was jetzt kommt ist in erster Linie ein Appell an mich selbst und sehr ehrlich. Im Moment würde ich mich zwar als „clean“ bezeichnen, aber stabil bin ich noch nicht. Jeden Tag auf’s Neue kämpfe ich gegen die Versuchung, das facebook /Twitter/Google-Suchfenster für meinen abartigen Drang zu missbrauchen, das Privatleben einer Person bis auf den letzten Kommentar auszuspionieren. Und ich bin mir sicher, dass das jedem zweiten unser Generation Y so geht – vor allem uns Mädels.

Witzigerweise sind wir angeblich die erste Generation, die super souverän mit dem Internet lebt und das ganz toll in ihren Alltag integriert und alles. Naja. Ist das so? Es ist ja keine Neuigkeit, dass facebook unser aller Leben zerstört, oder zumindest die Wahrnehmung über uns selbst, und das was unsere „Freunde“ tun und sind. Auch wenn wir als vernunftbegabte Wesen natürlich wissen, dass Menschen sich nicht absichtlich zum Affen machen und eher nicht posten, wie sehr sie im Studium wieder versagt haben, sind wir immer noch erstaunlich unreflektiert. Ein Glück kennen wir unsere facebook-buddies persönlich (oder haben sie zumindest schon mal gesehen…aus weiter Entfernung auf einer Party… oder im Fernsehen, der Begriff Freundschaft wird heutzutage ja dehnbar verwendet) und wissen um die Realität. Nun geht es hier aber um Dates!

Fangen wir an, jemanden richtig zu mögen, mutieren wir vom normalen Social-Media-Addict zum manipulativen Suchbegriffe-speienden Stalking-Monster, das ohne Gnade vor der eigenen Würde alles und jeden nach Informationen über sein Opfer abscannt. Was für Ausmaße das annimmt, wird uns manchmal erst bewusst, wenn wir wieder zu uns kommen, und uns auf einer Seite befinden, die wir nicht mehr zuordnen können. Ich nenne das „verstalken“. Das ist aber noch das harmloseste, was dir passieren kann. Schlimmer kommt es, wenn

  • du das facebook-Suchfenster mit deinem Statusfenster vertauschst
  • du ausversehen etwas retweetest, und so dein geheimer Twitter-Account auffliegt
  • du beim Scannen seiner Freunde seiner Ex ausversehen ein Freundschaftsangebot machst
  • er deinem Browser-Suchverlauf entnehmen kann, dass du sein facebook-Profil häufiger aufrufst, als dein eigenes
  • du im Gespräch Wissen durch Stalking und seine Erzählung einmal zu oft durcheinander gebracht hast
  • aus irgendeinem Grund das Chatfenster öffnest und ihm einen fetten Daumen statt einer Nachricht schickst.

Die erfahrene Stalkerin bedient sich nicht nur der Klassiker Freunde , Fotos und Check-Ins sondern zieht zusätzlich Informationen aus Interessen, Events, dem Job usw. heran. Der Pro kombiniert außerdem verschiedene Social-Media-Profile und erhält so ein meist besonders verstörendes Bild. Auch wenn jeder selbst ein bisschen aware of his own Social-Media-Identität sein sollte, tun wir unserem Stalking-Opfer in jedem Fall unrecht. Nicht, weil es dadurch schlechter dasteht, eher das Gegenteil wird der Fall sein (siehe oben), sondern weil wir uns nach eigenem Belieben ein Bild von dem Menschen machen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. Soweit so gut, machen wir ständig, hat schon immer funktioniert.

Nur muss ich nach jahrelanger Erfahrung in diesem Gebiet feststellen, dass es NIEMALS etwas gebracht hat. Weder am Anfang, noch während der Beziehung und SCHON GAR NICHT, NACH DEM ENDE (!!). Und ich kenne auch niemanden, der durch exzessives Stalken mehr Verständnis oder Vertrauen oder wasauchimmer seinem Partner gegenüber aufbringen konnte.  Im Gegenteil: Stalken macht alles scheiße und zwar deshalb:

Ihr habt euch nichts mehr zu erzählen

Klar, Sachen, die er postet, kannst du im Gespräch super aufgreifen und ihm Fragen dazu stellen. Ihr lernt euch schließlich gerade erst kennen, und liefert euch in Sachen Small-Talk-Ability ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen um den letzten Platz. Im Zweifel wirkt es aber eher creepy als interessiert, jemanden auf seine facebook-Identität anzusprechen. Das muss auch anders gehen!

Es ist scheißegal, ob er gestern noch online war

Fakt ist, auch ohne Stalken weißt du eigentlich, warum er dir nicht schreibt. Du brauchst dazu nicht wissen, wann er das letzte Mal online war, wo er gerade eingecheckt hat, oder gar mit wem. Es ist völlig egal, weil es seine Entscheidung ist, das Telefon in die Hand zu nehmen und online zu gehen, um dir zu schreiben, oder es zu lassen. Fakt ist, er schreibt dir nicht. Scheiß auf den Grund! Wo ein Wille… du weißt schon.

Du findest nur Sachen heraus, die du nicht wissen willst

Das ist selbsterklärend. Oder hast du schon mal das Wissen um die Exfreundin / neue Freundin (even worse!) als tatsächlich gewinnbringend für dein emotionales Wohlbefinden empfunden?

Du lügst, indem du so tust, als sei alles neu für dich

Es spricht natürlich für deine Qualitäten als ausgezeichnete Stalkerin, dass du nur ein paar Minuten brauchst, um herauszufinden, mit wem er gestern warum, wo und wie lange unterwegs war. Und toll, dass du schon wusstest, wie seine Familienverhältnisse sind, bevor er dir gegenüber das Vertrauen aufbringt, es selbst zu erzählen. Ein bisschen schäbig darf man sich dabei trotzdem ruhig fühlen, denn du lügst.

Es geht dich nichts an.

Mit dem Stalken ist es wie mit dem Rauchen. Es stinkt, macht süchtig und du siehst irgendwie dumm dabei aus. 

Meinungen?

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