Wie Tinder mich zu einem oberflächlichen Arsch machte

Ungefähr nach Vorschlag 82736 schlug Tinder mir vor, meine Freunde einzuladen – keine Singles mehr übrig in meiner Umgebung. Ebenso gut hätte da stehen können: „Herrje, hast du echt ALLE Vorschläge durchgeguckt?! Wie verzweifelt bist du eigentlich?! Get a Life!“. Und in der Tat: Ich bin jetzt etwas verstört.

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Die zunächst nicht enden wollende Flut an sympathischen und meine Interessen teilenden 8-en ist plötzlich versiegt. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit bis unsere was-wäre-wenn-ach nee doch-nicht-weg-wisch-Beziehung endet, nur ist Tinder in Sachen wegwischen irgendwie schneller als ich.

Aber zurück zum Anfang. Ohne mich im Übermaß über mein Single-Dasein beschwert zu haben, hat mir vor einigen Wochen jemand Tinder gezeigt. Tinder ist eine Dating-App, die dir Singles aus deiner Umgebung vorschlägt, die durch gemeinsame Facebook-Interessen und Freunde besonders gut zu dir passen sollen – Und alle anderen, Hauptsache in der Nähe. Angezeigt wird immer nur eine Person, über die man nichts weiter als eben genanntes erfährt – plus ein paar Fotos.

Im Idealfall rundet Mr. Right sein Portfolio mit einem Silhouetten-Bild vor einem Sonnenuntergang irgendwo weit weg am Strand ab. Ein süßer Shot mit dem Haustier darf natürlich auch nicht fehlen – Ob Hund, Katze, oder Affe ist egal. Wichtig ist, dass du einen tierlieben Eindruck hinterlässt. Das wirkt nämlich vertrauenswürdig auf die Frauen und naja tierlieb halt. Den dritten Platz der Top Tinder Profil-Fotos teilt sich schließlich ein Bewerbungs- oder Businessportrait (im Ernst?!) mit einem verwegenen und natürlich zufällig geschossenen Freizeit-Bild, auf dem sich der Posierende Instagram-gefiltert in Kaputzenjacke und mit Wuschelhaaren präsentiert.

(Es gibt außerdem noch eine recht merkwürdige Gruppe Tinder-User, die scheinbar noch weniger Geschichtsverständnis hat, als ich. Anders lässt sich nicht erklären, warum so viele Männer breit grinsend vor, in Mitten oder auf dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas posieren.)

Per schicksalhafter Daumenbewegung nach links oder rechts entscheidest du, ob hop oder top. Solltest du einem deiner zahlreichen Auserwählten (dazu kommen wir gleich) genauso gefallen, wird dir ein Match angezeigt. Jetzt könnt ihr chatten, euch treffen, heiraten und Kinder bekommen. Oder du guckst dir einfach den nächsten Vorschlag an.

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Das hab ich nämlich gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob es an meinen sinkenden Ansprüchen, der spaßigen Wisch-Bewegung oder der Überzahl Tinder-nutzender Touristen im Raum Berlin liegt, aber überraschend viele User haben mein Herz gewonnen (anstatt der Wisch-Bewegung kann man auch Herz oder Kreuz drücken, das ist dann viel weniger oberflächlich und abwertend). Und umgekehrt war das scheinbar auch so. Bei den ersten, sagen wir 5, Matches habe ich mir noch aufgeregt das Date mit dem süßen Family Guy-guckenden und Vice-lesenden Electro-Liebhaber ausgemalt. Entsprechend desillusioniert war ich, als auf das Match nichts folgte. Ich, ganz die emanzipierte Frau von heute, habe natürlich nicht angefangen zu scheiben. Mein Mr. Right leider auch nicht, und so habe ich weiter-gewischt. Es gibt schließlich genug Hotties in Tinder-Reichweite, dachte ich. Hier und da hat sich ein Gentleman in seine Gender-Rolle gefügt und mich angeschrieben. Das verlief sich doch mit 2-3 Ausnahmen ziemlich schnell und selbst vielversprechende Chats endeten im Nichts. Das war so lange okay bis Tinder mich mit der anfangs angesprochenen Wirklichkeit konfrontierte.

Rückblickend (so gerne ich diese dramatische Formulierung auch vermieden hätte: es geht nicht anders, denn bei Tinder kannst du nur reumütig und beschämt über deine Oberflächlichkeit zurück blicken, einmal weggewischt – immer weggewischt) habe ich festgestellt, dass ich ziemlich wählerisch wurde, nachdem ich gemerkt hab, wie hoch das optische Kandidaten-Niveau bei Tinder ist. Mein hohes Ross und ich arbeiteten bereits ab Tag 2 symbiotisch. Nachdem ich fleißig alle Kandidaten nach links und rechts sortiert habe, kann ich nach einer Woche folgende Tinder-Bilanz vorweisen:

  • Was weiß ich wie viele Boys nach links gewischt, es müssen mindestens an die 100 gewesen sein
  • Ca. 35 Matches
  • 10 chats
  • 0 Dates (aber darum geht’s doch eigentlich, oder?)

Was anfänglich so einfach und aufwandslos aussah, entpuppt sich als überraschend anstrengend, vorausgesetzt du bist echt auf ein Date aus. Das Durchgucken der Profile ist spaßig und geht auch ganz gut zusammen mit Freunden und Bier. Nur ist dieser Part ohnehin der Beste im ganzen Dating-Prozess. Bisweilen macht es sogar Spaß, die Leute im Club durchzuscannen. Überspringen möchten wir doch aber den Teil, in dem beide sich gegenüber stehen und versuchen, aus dem Nichts ein Gespräch hinzukriegen. Genau davor bewahrt Tinder uns aber nicht. Im Gegenteil, es erschwert sogar eine vernünftige Themenfindung, weil du nichts über die Person weißt. Nicht mal die Lautstärke der Musik oder dein Getränk dienen im Chat als Gesprächsanker in der Not. Vor einer derart großen Barriere scheitern selbst die ambitioniertesten unter uns. Ich für meinen Teil lieferte spätestens ab Chat 5 meine Standards ab, und war sofort gelangweilt, wenn nichts total unvorhersehbar cooles von meinem Gesprächspartner kam. Aber vielleicht soll man sich bei Tinder auch gar nicht richtig kennen lernen, sondern nur so’n bisschen nach links und rechts wischen, bis man Sex hat oder einpennt.

Meinungen?

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