Turning 27 – Jetzt weißt du endlich, wer du bist!

Gestern bin ich 27 geworden (Danke!) und meine Apotheke hat mir gratuliert. Auf einer gut gemeinten Karte mit rot-weißen (meine Lieblings-Farb-Kombi) Gesundheitskaros prangerte der Glückwunsch inklusive Kafka-Zitat. Nein, nicht Markus, das wäre cool und falsch geschrieben. Angeblich wird man wohl nicht alt, wenn man sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen. Ich bin mir sicher, dass sich noch niemand von dieser Steno- Glückwunschkarte so angegriffen gefühlt hat, wie ich. Ich kann diese Lebensweisheiten nicht mehr hören. 

Ich bereue etwas, dass ich nicht so schlau war wie meine Freunde, und mir vor 10 oder 15 Jahren keine aktiven Gedanken über mein „Erwachsenenleben“ gemacht habe. Ein besonders cleverer Freund hat sogar 10-Jahres Listen, in die er schreibt, was er wann geschafft haben will. Ich hingegen steuere ohne langfristiges Ziel durch mein Leben, seitdem ich -die Schokolade in Ein-Meter-Abständen fest im Blick, das war mein Ziel!- angefangen habe, zu krabbeln. Das hat natürlich seine Vor- und Nachteile, so eine Liste sollten wir alle mal führen, aber eigentlich wollte ich auf was anderes hinaus! 

Eine omnipräsente Stimme erzählt mir nämlich ständig, wie geil die späten Zwanziger sind, weil du „jetzt endlich weißt, wer du bist und im Leben stehst blabla“. Ich kotze. Diesen Satz hört man hauptsächlich von Klugscheißern, die wissen, dass sie vor lauter Selbsterkenntnis vergessen haben, zu leben und gerne von Sachen reden, die „etwas mit ihnen machen“. Als Rache für sich selbst machen sie dir mit so hohlen Phrasen ein schlechtes Gewissen. Keine Sorge, du kannst jetzt aufhören, nach dem Sinn zu suchen. Es gibt keinen. Nachfolgend möchte ich abrechnen mit diesem Scheiß-Spruch:

Sofern du keine schlimme Persönlichkeitsstörung hast, bezweifle ich, dass du erst jetzt weißt, wer du bist. Ich zumindest weiß schon ziemlich lange, warum ich öffentliche Verkehrsmittel meide, zu viel esse und mich Leute nerven, die ihr Leben nicht im Griff haben. Mein sehr reflektiertes Selbstbild wird zudem täglich vervollständigt durch nennen wir es „Feedback“ von Kollegen, Freunden, und Leuten, die ich aus Versehen fast überfahre. Was noch soll ich mehr über mich wissen? Kein Mensch braucht mir erzählen, dass er zu solchen Erkenntnissen erst mit Ende 20 kommt. Was dieser Satz eigentlich meint, ist: Du bist mittlerweile zu bequem, um dir deine Essgeräusche abzugewöhnen, pünktlich zu werden und endlich regelmäßig die Nachrichten zu verfolgen. Deshalb erzählst du jetzt allen, dass du weißt, wer du bist. Das bedeutet nämlich, dass jede Bitte um eine Verbesserung der einen oder anderen Eigenschaft eine Beleidigung deiner gerade selbstgefundenen Persönlichkeit ist. Bam! Haltet alle die Fresse, ich bleib einfach so scheiße, wie ich bin! 

Erleuchtung

Wer A sagt, sagt meistens auch noch: „Du weißt endlich, was du willst!“. Das ist natürlich genauso großer Schwachsinn und trifft auf genau niemanden meiner bekannten Altersgenossen zu. Die eine Gruppe wusste es schon immer und arbeitet seit Ewigkeiten mehr oder weniger erfolgreich darauf hin, und die andere wird es nie wissen. Was werde ich über meine Bedürfnisse erfahren, was ich nicht in oder vor 10 Jahren wissen werde, oder wusste? 

Wenn überhaupt, wird das große mid-twenties-enlightenment durch den Beginn des scheiß Arbeitsalltags herbeigeführt, durch den man sich leider auf die bequemen Dinge des Lebens besinnt und keinen Nerv mehr hat, sich täglich mit Und-wo-trinken-wir-heute-Bier-Fragen zu beschäftigen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass ich auch mal einen Abend für mich brauche, um zu vermeiden, dass mir mein Freund beim Lackieren meiner Fußnägel zusieht. Wenn das die große Erleuchtung ist, dürfen mir ab sofort alle Menschen den Bauch streicheln. 

Meine Altersgenossen und ich steuern so verpeilt und weniger-verpeilt wie schon immer durch unseren Alltag. Unser Leben ändert sich, und so passen wir uns an, oder eben nicht. Wer gerne reist, wird weiter reisen, wer Kinder mag, bekommt Kinder. Es gibt keine End-Zwanziger-Erleuchtung. Das was du meinst, ist der Scheiß-Alltag und der fängt gerade erst an. Unser Studium ist beendet, von Billig-Bier bekommen wir Kopfschmerzen, Schlafmangel macht uns zu schlechten Menschen. Die geilen Zeiten sind vorbei. Kein Grund, sentimental zu werden. 

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  1. Chris

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