Jedes zehnte Tinder-Bild ist ein Holocaust Selfie

Das ist geringfügig übertrieben, aber ich denke du weißt, worauf ich hinaus will. Mit Tinder lassen sich Feldstudien betreiben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die App auch die unter uns erreicht, die nicht bei Urban Outfitters wohnen und französische Neo Noir Filme dem neuen Batman-Blockbuster vorziehen. Und jetzt haben wir den Salat. Tinder vereint nun die Gesamtheit aller Singles und die Coolness, die es ursprünglich mitbrachte, wurde hinfortgeweht vom Wind der Solarium-Selfies, von ekligen Multi-Profil-Penisfotos, hochgelegten Haaren und roten Ray Ban-Imitaten. Und so kommt es, dass ich plötzlich mehr Zeit mit Screenshots verbringe, als mich tatsächlich mal eingehend einem netten Gespräch zu widmen oder mich gar mit jemandem zu treffen. Es bleibt bei der Bilanz von drei Tinder-Dates – mindestens zwei davon auf ihre Art traumatisch. Bei dem dritten bin ich mir noch nicht sicher.

Tinder Logo

Trotzdem bin ich Tinder dankbar, denn die gescheiterte Sozialwissenschaftlerin in mir hat endlich Muster gefunden. Endlich habe ich genügend Schubladen konstruiert, in die wirklich jeder Kerl passt. Auch du wirst dich wieder finden in den 9 Tinder Typen*!

Der Kosmopolit
Den Kosmopolit vom normalen OkCupid ääh.. Tinder-User zu unterschieden gelingt zunächst durch die Sichtung seiner englischen Selbstbeschreibung. Diese enthält in jedem Fall die Angabe des Zeitraumes, den er in der jeweiligen Stadt verbringt und die Worte „Fun“ und „World“. Außerdem liked der Kosmopolit unverkennbar touristische Facebook-Seiten wie „Berlin- the Place to be“ und „Open Airs Berlin“. Sein überdurchschnittliches Selbstbewusstsein präsentiert er mit zahlreichen Fotos von sich überall auf der Welt. Hier ist nicht jeder Kosmopolit gleich Kosmopolit, es gibt Spielraum. Sicher sind aber folgende Fotomotive:

  • irgendwo in Afrika mit Kindern, oder irgendwo in Afrika auf einem Elefanten reitend
  • eine Gruppe von mindestens 4 verschiedenen Nationalitäten, alle sind happy
  • irgendwas in New York, aber nicht offensichtlich, man will nicht angeben
  • ein Surfboard*
  • nach max 5 Stunden Aufenthalt das obligatorische Brandenburger Tor
  • eine Sehenswürdigkeit, die er zwischen Daumen und Zeigefinger hält
  • was Ekliges zu essen

Auch wenn gerade diese Elefantensache super sexy ist, macht mich das nicht an. Bekannterweise ist nämlich die Bett-Ability von Männern, die nie öfter als ein Mal mit ein und derselben Frau schlafen, unterirdisch. Und mehr wird man von einem Date mit dem Kosmopoliten ohnehin nicht erwarten können. Deshalb nein, ich möchte dir nicht meine Stadt zeigen aber viel Spaß in Prag.

Der Mann mit dem Meer
Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Willst du den Mann, willst du auch das Meer. Sich melancholisch von der Kamera abneigend widmet sich der Mann mit dem Meer seiner großen Leidenschaft Wasser. Auf keinem seiner Tinder-Fotos zeigt er sein Gesicht, aber das muss er auch nicht – spiegelt sich die Schönheit seines Charakters doch herzzerreißend in dem einzigartig gephotoshopten Sonnenuntergang.

Der Outdoor-Langeweiler
Berge, Klettern, Jack Wolfskin-Funktionsjacken und der Rucksack –  das ist die Welt des Outdoor-Langweilers. Er ist offensichtlich gerne draußen, lebt gesund, wahrscheinlich vegan, und legt großen Wert auf eine Frau an seiner Seite, die sich so gerne wie er tagelang nur mit dem Nötigsten an Körperhygiene begnügt, gerne zeltet und sich draußen „ganz anders erlebt“.

Tinder Holocaust

Das Holocaust-Memorial-Model
Wer kennt das nicht: Man besucht ein Land mit historisch schwierigem Hintergrund, durchläuft das typische Sightseeing, besucht Orte, die betroffen und traurig machen, weil schlimme Sachen passiert sind oder an beschämende Ereignisse erinnern. Was liegt in dieser Stimmung von Völkermord und Krieg näher, als das Grinse-Holocaust-Selfie?! Das Holocaust-Memorial-Model weiß, wie man einem der schrecklichsten Verbrechen der Menschheit gedenkt und nutzt die Kulisse von stylischen Klötzern direkt für das neue Facebook-Profilfoto. Vornehmlich springend, Arme-ausstreckend und immer mit fröhlichem Lachen im Gesicht präsentiert sich der Gehirnlose am tiefsten Punkt des Memorials. Da fällt das Licht nämlich besonders schön.

Der Typ mit den Frauen
Dieser User hat den Single-Gedanken hinter Tinder vollends verinnerlicht. Er weiß, wie man die weibliche Aufmerksamkeit auf sich zieht und sich gleichermaßen zugänglich, sympathisch und vor allem begehrt präsentiert: Er zeigt sich mit gutaussehenden Frauen und lässt auf mindestens einem Foto bewusst offen, ob es sich bei der schönen Lady um seine Schwester, seine Freundin oder eine Prostituierte handelt. Nein, sowas ist nie Zufall. In der Regel traue ich Männern ja wenig manipulative Fähigkeiten zu. In diesem Fall strotzt das Foto aber vor so viel Missverständlichkeitspotential und Bitte-Frag-mich-wer-das-ist, dass man dem Typen Absicht unterstellen muss. Als großer Fan von solchen peinlich durchschaubaren Psycho-Moves hat sich der Kandidat damit ins Aus katapultiert – und seine Schwester (es ist immer die Schwester!) gleich mit.

Tinder Hipster

Der Hipster
Eigentlich zu cool aber doch needy genug treiben die meistgehassten Mitzwanziger auch bei Tinder ihr Unwesen. Mit typischem Dreitagebart, lässigen s/w Filtern und Beinen, so dünn wie mein Zeigefinger strahlen sie rauchend und mit Billigbier in der Hand ihre Lebensfreude, wie nach 3 Tagen Berghain in die Kamera. Optisch sind sie ein Leckerbissen für geschundene Tinder-Augen und  vor Matches können sie sich nicht mehr retten. Wenn dir ein bisschen Gucken nicht reicht und du mit dem Hipster was anfangen willst -ich verstehe das!-, brauchst du deshalb vor allem eines: Durchhaltevermögen. Er wird nicht anfangen, dir zu schreiben und wenn er das tut, muss alles, was über ein trauriges „Hi“ hinaus geht, eigentlich schon dein Misstrauen erwecken.

Der Tierfreund
Was dem Hipster die skinny-Stockbeinröhre, ist dem Tierfreund irgendwas mit Fell. Wahlweise prominent alleine oder Kopf an Kopf mit dem treu-guckenden Herrchen ist Struppi fester Bestandteil in jedem der mindestens acht Tinder-Fotos. Egal ob im Solarium, auf dem Moped, im Auto, auf dem Bett (Pfui!) oder gemütlich auf der Samt-Couch findet das Tier in jedem Foto seinen Platz. Den meist Oberkörperbekleidungsfreien Tierfreund gibt es nur in Kombination – und zwar mit Goldkette, hochgegelten Haaren und mindestens einem sinnfreien Tribal.

Penisbild Tinder

Der Penis-Perverse
Ich bin mir nicht sicher ob es nur einer mit mehreren Profilen ist, oder es sogar mehrere Geisteskranke gibt, die sich auf Tinder rumtreiben. Jedenfalls hat der Penis-Perverse mein Bild von gesundem Menschenverstand, Schamgefühl und Respekt gegenüber Frauen nachhaltig verändert, denn er steckt seinen Penis durch einen Karton. Punkt.

Der Fotomonteur
Der Fotomonteur hat erkannt, dass das sexy vom Provinzfotografen ausgeleuchtete Schwarz-Weiß-Bild schon lange nicht mehr reicht. In Zeiten von Instagram, Hipstamatic und dem ganzen Schnullifilterfax muss mehr her! Mehr verträumte Blicke, Sonnenstrahlen ohne Ende und vor allem Filter, Filter und Filter. Das ist kein großes Alleinstellungsmerkmal, trifft die Insta-Filter-Seuche doch auf jedes zweite Tinderbild zu. Was mir bei der Masse von Fotomontagen jedoch besonders Spaß bereitet, ist die alte Generation der Foto-Künstler. Ich rede von den Talenten, die auch ohne Filter und Lupe ein Maximum an Individualität und Kunst aus den Werken herausholen. Das reicht von der exzessiven Nutzung von Photoshop, über eingefügte Sterne, Glitzerglanz-Irgendwas und -ganz wichtig- in schwarz-weiß-Bildern hervorgehobene farbliche Highlights. Ein beliebtes Motiv dafür ist der rote Kopf der armen Rose, auf die der Posierende gerade beißt. Ja, du hast richtig gelesen. Ich hab das auch nicht mehr für möglich gehalten.

Falls ich Tinder irgendwann mal wieder installiere, werde ich viel Spaß haben.

 

 

*Meine Klassifikation ist weder disjunkt, noch exhaustiativ. Das ist mir bewusst. Nur für den Fall, dass der Wissenschaftstheorie-Nazi gleich losmeckert.

 

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