Die Sache mit dem ehrlich sein

Ich stehe total auf Tortilla Chips mit Käse-Dip, die ich am liebsten im Bett esse, ich bin mit 28 immer noch der Meinung, dass ein Personal Trainer alle Probleme in meinem Leben lösen würde, und Bier, Kippen und ein Abend mit Freunden werde ich immer Kultur, Theater und einem guten Buch vorziehen.

Vor Prince Charming an der wässrigen Weinschorle nippend höre ich mich dann trotzdem Sätze sagen wie „Nee, also Sport mach’ ich halt echt um abzuschalten, nicht um Gewicht zu verlieren“, „So oft feiern gehen macht ja auch irgendwann keinen Spaß mehr“ oder der Klassiker: „Nee danke, ich hab gerade keinen Hunger.“ Um jemanden zu beeindrucken, habe ich sogar schonmal so lange auf Essen verzichtet, bis ich vor seinen Augen ohnmächtig wurde – drei Mal. Fun Fact! Wir halten fest: Beim Kennenlernen bin ich eine richtig ehrliche Haut.

Sich so zu verstellen wäre dem Mann meines Begehrens natürlich nicht im Traum eingefallen! Und überhaupt! NICHTS wurde mir bisher verschwiegen, keine wirklich fragwürdige Eigenschaft schöngeredet und über kaum einen dubiosen Lebensumstand gelogen. So platzten fast alle Männer meines Erfahrungsschatzes bereits in den ersten Gesprächsminuten mit ihren primären Sexual-Vorlieben raus („Deine Schuhe sind schön, ich steh’ ziemlich auf Füße“, „Ich bin sehr grob im Bett“), halten nicht hinterm Berg bezüglich ihres Intoxikationszustandes („Boah eh, ich bin ganschönn voll“, „Willst du auch bisschen Liquid E?“) und sind grundehrlich bei so angenehmen Themen wie Job, Ex-Freundin und Familie (Ungefragt: „Meine Tochter wird jetzt 5“, „Ich wohne noch bei meinen Eltern“ und „Mein Studium breche ich jetzt auf jeden Fall erstmal ab und danach weiß ich noch nicht.“).

Wahrheiten

Nach solchen Botschaften habe ich so sehr damit zu kämpfen, diese schwer zu verarbeitenden Bilder aus meinem Kopf zu bekommen, dass die verbleibende Gedankenkraft nur noch zu einem schlagfertigen „Oooookay“ oder „Interessant“ fähig ist. Empfinde ich das Geständnis meines Gegenübers oder ihn selbst als annähernd bemitleidenswert, biete ich ihm dann ein Wasser an und gehe weg… auch richtig cool! Noch immer liege ich nachts wach und frage mich, was hier eigentlich Intention und gewünschte Reaktion dieser Geständnisse aus dem Nichts waren. Entweder, ich mache einen sehr verständnisvollen Eindruck, meine Gesprächspartner sind auf Grund von Alkohol der Lüge unfähig oder sie machen das aus Prinzip.

Meistens passiert im Anschluss das: Ich stelle fest, dass Mister Right bedenklich hohes Freak-Potential aufweist, ich wäge kurz Attraktivität gegen Crazyness ab, dann schalten Körper und Psyche auf Flucht. Ich kann nichts dagegen machen. Gespräch vorbei, Begegnung auch.

Wie schade, vielleicht hätten wir ein paar schöne Nächte miteinander gehabt! (Zumindest bis du angefangen hättest, an meinen Zehen zu lutschen.) Vielleicht hätte ich sogar nach einiger Zeit mit ein paar kleinen perversen Wahrheiten leben können, ABER SO?!?! NEE EY! Was fällt dir ein, mir direkt am Anfang dein gesamtes Ausmaß an Gestörtheit um die Ohren zu hauen?! Was stimmt nicht mir dir, dass du die ersten 60 Gesprächsminuten nicht schaffst, ohne deinen Wahnsinn bei mir abzuladen? Mach ich doch auch nicht bei dir!

Aus gegebenem Anlass möchte ich folgendes klarstellen: Für den „Erfolg“ des Abends ist es nicht dienlich, dass man möglichst offen mit seinem Schwachsinn umgeht. Nein, Frauen finden das NICHT COOL und auch NICHT SÜSS oder WITZIG. Ein Fetisch ist meistens erstmal nicht erotisch, sondern beängstigend (wir sind hier nicht im Zwanglos III), Altlasten jeder Art sind NIE attraktiv oder geheimnisvoll, sondern anstrengend, Informationen über deinen Rausch lassen uns nur an Erektionsprobleme denken und deine gescheiterte Karriere ist in der ersten Nacht schlicht irrelevant und auch nicht besonders sexy.

Bitte erzähl nicht immer die Wahrheit. Lass einfach rumknutschen.

Meinungen?

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