Dealbreaker Monolog

Letztens hatte ich ein vielversprechendes Tinderdate. Wir schrieben nicht lange, dafür aber witzig, pointiert und grammatikalisch einwandfrei. Ohne verzweifeltes “Und was suchst du so auf Tinder? ;)” kamen wir schnell zum Punkt und verabredeten uns für den folgenden Abend. Er mochte Bier und Schokoladenkuchen, wohnte um die Ecke und präsentierte sich auf keinem seiner Fotos im Solarium, vor dem Auto oder hinter betäubtem Tiger. Er verstand meine Witze und ich war begeistert. Das lässt mich im Nachhinein an meiner Menschenkenntnis zweifeln, denn:

Kaum hatte ich mich hingesetzt, wurde Mr. Right zu Mr. Fight und auf mich wartete kein flirty Tinder-Date mit viel Bier sondern ein stundenlanger Monolog. Die ersten Minuten sollten exemplarisch sein für den Entertainment-Charakter des Abends: Der Geisteswissenschaften studierende Kapitalismus- und Globalisierungskritiker boykottiert aus Gründen, die ich aus Selbstschutz verdrängt habe, McDonalds. Er findet es aber total in Ordnung, dem lokalen Kneipenwirt zu huldigen, der nicht nur ehemaliges Mitglied einer fragwürdigen Moped-Vereinigung ist, sondern das Geld für die Kneipe wahrscheinlich durch Zuhälterei erwirtschaftet hat. Macht aber nichts, denn schließlich hat er ihm letztens einen ausgegeben! Achso.

blabla

Wenn ein Schwerstkrimineller eine zweite Chance bekommt, hat auch mein Date eine verdient, dachte ich. Käme ich mal zu Wort, würde ich vielleicht genauso viel Quatsch erzählen und loswerden wollen, was mich umtreibt. Möglicherweise ist er auch sehr aufgeregt, weil eine geheimnisvoll schweigende Schönheit hinter mir sitzt oder es hört ihm sonst einfach niemand zu.

Ganz der Kommunikationsprofi nutzte ich die Bierpause und steuerte gemeinsame, Konfliktpotenzial-arme Interessen an, in der Hoffnung auf…naja, ein Gespräch und ein Minimum an Harmonie. Unwissend, dass ich damit nur noch mehr Öl ins Monolog-Inferno goss: Das Thema Festivals endete mit einer Feststellung seinerseits, dass ich definitiv auf die falschen gehe. Meine letztjährige Jakobswegwanderung kommentierte er mit karitativ formulierten Ratschlägen zum Thema “richtige Schuhe”. Und beim eigentlich Weltfrieden-stiftenden Schnulli-Thema Reisen resümierte er, dass man echt nur noch nach Asien kann.

Ich bedankte mich für den Tipp, gab auf und ließ ihn reden. Es war nichts zu machen, Mr. Fight hatte sich über Themen seiner Wahl in Rage referiert und belehrte mich ungefragt. Auf keine Frage musste ich antworten, nicht mal interessiert nicken. Das einzige, was mir von diesem Date bleibt, ist nicht etwa der unglaublich große Wissensgewinn oder die Erkenntnis, dass ich dringend an meiner Exit-Strategie arbeiten muss und schon gar nicht die tolle Begegnung, sondern nur ein sehr ärgerlicher Kater, von der Sorte, die erst nach 16.00 Uhr richtig schlimm wird.

Aber immerhin: Ich glaube, selten hat sich jemand mit mir so gut unterhalten.

Meinungen?

Comments
  1. joh

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