Catch-22

Dem aufmerksamen Leser ist bestimmt schon aufgefallen, dass in letzter Zeit die Frequenz meiner Blogeinträge wahrscheinlich nicht proportional zu der Häufigkeit meiner Dates stand. Neben allgemeiner Schreib-Faulheit liegt das vor allem an meiner verschobenen Toleranzgrenze. Mittlerweile finde ich so ziemlich alles normal, nichts überrascht mich mehr, ist alles nicht der Rede wert. Vielleicht hab ich es übertrieben.

Was mich inzwischen viel mehr beschäftigt, ist nicht das Was, sondern das Warum. Warum unterdurchschnittlicher Sex, Unverbindlichkeiten, langweilige Dates und überhaupt die ganzen Menschen auf meiner Couch? So ein Lifestyle KANN doch eigentlich keinen Spaß machen. Naja… es ist so:

Der Sex ist es nicht primär

Auch wenn meine männlichen Freunde nicht müde werden zu betonen, dass schlechter Sex doch immer noch besser ist, als gar keiner, weiß ich inzwischen: die Begriffe One Night Stand und sexuelle Befriedigung (schöne Formulierung) schließen sich fast immer aus – zumindest für mich. Schließe ich am Morgen danach die Tür hinter meiner Nachtbegleitung, steht jedes Mal außer Frage, dass Pink Rabbit aus meinem Nachtschränkchen bessere Dienste geleistet hätte – ganz ohne Kater, versiffte Bettwäsche oder Walk of Shame. Das trifft gleichermaßen auf Total-Versager wie auf Overperformer zu und ist nur selten auf die Skills des Auserwählten zurückzuführen. Die Wahrheit ist leider: Der einzige Höhepunkt, den ich auf Dates erlebe, ist das warme Kribbeln im Bauch, wenn ich beim ersten Knutschen feststelle, dass mein Gegenüber keinen Mundgeruch hat. Der Sex ist es nicht.MundiDieses Kribbeln

Apropos Kribbeln. Danach bin ich süchtig. Nichts ist vergleichbar mit dem Übermaß an Aufgeregtheit, wie der Moment, in dem man sich zum ersten Mal küsst oder berührt (klingt schlimm cheesy, ist aber so!). Leider sorgt der natürliche Feind des Kribbelns, das zweite Mal, immer wieder dafür, dass die Freude nur von kurzer Dauer ist. Schon beim zweiten Date entwickelt man Routineverhalten; weiß, dass der andere am liebsten Vietnamesisch am Mittag und Französisch in der Nacht hat und baut das Gespräch um die bei Date 1 festgestellten Gemeinsamkeiten. Ist man nicht bis über beide Ohren verknallt, endet der Zauber spätestens an dieser Stelle. Um meiner Bauchkribbel-Abhängigkeit nachzukommen, habe ich also nur zwei Möglichkeiten: Entweder immer wieder neue Leute treffen oder mich verlieben.

Flachlegen lassen, um wieder auf die Beine zu kommen

Hin und wieder treffe ich Menschen, die mich faszinieren. Dann bin ich außer Kontrolle und mein Instinkt, mein Selbstbewusstsein und meine innere Stimme leiten den Selbstzerstörungsmodus ein. Alle Abgeklärtheit, der Spaß an Dates und dieses emanzipierte-Frau-von-Welt-Ding werden abgelöst von einem obsessiven Tunnelblick auf das grüne LED-Lämpchen meines Telefons. Leider gehöre ich nicht zu der Sorte Mensch, die in diesem Zustand mit einem breiten Grinsen allen auf die Nerven geht. Meine Schwäche für Problemmänner führt nämlich im Falle der Verliebtheit bei mir zu einem fast schon peinlichen Verlust an Lebensqualität. Weder Quality Time mit Freunden und Familie, sehr viel Bier oder noch mehr arbeiten stellen mich und mein Selbstwertgefühl jetzt so gut wieder her wie – das überrascht dich jetzt bestimmt – mehr Männer.

Walk of Shame

Bestätigung

Natürlich will das niemand von sich behaupten müssen und alle Küchenpsychologen schlagen jetzt bestimmt ihre Psychologie Heute über dem Kopf zusammen, aber, da bin ich ehrlich: Dates kommen nie ohne den Wunsch nach ein bisschen Bestätigung. Ich kugle mir sicher nicht alle zwei Tage fast den Arm aus, weil ich immer noch nicht genau verstanden habe, wie man die Haare über eine Rundbürste föhnt; investiere Unsummen in Make-Up und Klamotten und verbringe kostbare Lebenszeit bei Dores, die mir alle drei Wochen in der Mittagspause die Haare aus dem Körper reißt, damit ICH MICH SELBST SCHÖN FINDE oder WEIL ES MIR SO VIEL SPASS MACHT. Pah. Ist mir doch egal, wie ich es aussehe! Am Ende geht’s um Komplimente, einen offen stehenden Mund und das Gefühl, ein bisschen fuckable zu sein. Ziemlich traurig eigentlich – trifft aber garantiert nicht nur auf mich zu.

Nicht jedes Date passiert aus derart deepen Gründen. Manchmal ist es so simpel wie einfach:

  • Mein neues Outfit möchte ausgeführt werden.
  • Ich habe eine neue Wohnung.
  • Es ist nach 19.00 Uhr.
  • Ich habe aktuell keinen Schlafplatz.
  • Mir ist langweilig.
  • Ich war gerade beim Friseur.
  • Der Typ hat was Witziges gesagt.
  • Keiner sonst hat Zeit für Bier.
  • Der Typ ist größer als ich.
  • Es ist Freitag Abend und ich will noch nicht heim.
  • Ich möchte eigentlich was Romantisches, bin in der Nacht aber irgendwo falsch abgebogen.
  • Die objektiv verschwindend geringe, aber in meinem Kopf gigantische, Wahrscheinlichkeit, etwas zu verpassen.

Natürlich klingt das alles erstmal bemitleidenswert und vielleicht sogar ein bisschen psycho. Aber mir macht die ganze Aufregung irgendwie Spaß, erweitert auf eine besondere Weise meinen Horizont, lässt mich toleranter werden und hilft mir dabei, herauszufinden, was und wer mir am meisten Freude bereitet. Ich bereue nichts.

Meinungen?

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