Das Bindungsproblem ist die neue Laktoseintoleranz

Ich weiß gar nicht, wo diese Leute alle herkommen, aber ständig heult mir irgendwer die Ohren mit seinen „Bindungsproblemen“ voll. Beinah jeder scheint irgendwie „Probleme“ zu haben, sich auf Menschen „einzulassen“, „Vertrauen zu fassen“ (ich kotze!) oder sich langfristig zu binden. „Langfristig“ steht im Hipster-Sprech ohnehin nur für den Zeitraum zwischen dem Ende der Samstag-Nacht-Party und der dienstäglichen Bald-ist-wieder-Wochenende-Euphorie. Aber selbst diese paar Stunden sind meinen Mitmenschen zu viel Commitment. Kaum einer meiner Bekannten hat im letzten Jahr so nachvollziehbare Sätze gesagt wie „Ich wäre Sonntags mal gerne nicht allein“ oder sogar „Manchmal wünsche ich mir eine Beziehung“. Dass das keiner zugibt, überrascht mich nicht weiter; geht der typische Großstadtsingle doch mittlerweile automatisch in Deckung, wenn bei etwas Ehrlichkeit gleich der acht Meter große Verzweiflungsstempel angeflogen kommt. Jahrhunderte hat es sich deshalb bewährt, bis zum dritten Glas Wein die Fresse zu halten und dann einfach mit dem Trinkpartner rumzumachen.
bindungproblem
 Aber die bequeme Alkoholikerzeit ist vorbei – jetzt wird geredet, und zwar Quatsch und es gilt: Angriff ist die beste Verteidigung. Plötzlich ist mein Freundeskreis, die Medienlandschaft und das Internet sowieso voll von Beziehungsgestörten und Typen, die mal mit 15 unglücklich verliebt waren und noch 10 Jahre später von „’ner schlimmen Erfahrung mit der Ex“ reden. Wem auch nach Durchforsten des ältesten Didl-Tagebuches partout kein folgenschweres Trauma einfallen will, erfindet einfach eine psychische Störung. Hauptsache, du kannst dich irgendwie wichtig machen. Denn es ist unglaublich cool und hip, alles was mit natürlich positiven Gefühlen zu tun hat, scheiße zu finden. Das Bindungsproblem ist jetzt die dreckigere Jute, der gezwirbeltere Mustache, die neue Laktose-Intoleranz. Ich kann es nicht mehr hören.
 
Du hast kein Bindungsproblem, du willst das nur gerade nicht. Das was du hast, nennt man Jugend und Berlin. Dein Alter, dein Leben und diese kack Stadt bieten dir so viel Spaß und Sex, dass du dumm wärst, dich festzulegen. Anstatt das Risiko von irritierender Sicherheit, Geliebt-Werden und beängstigender Zeit zu Zweit einzugehen, verliebst du dich lieber jedes Wochenende kurz in ein anderes Mädchen und fühlst dich besonders cool damit. 
 
Am Ende bist du genauso süchtig nach Aufmerksamkeit, Bestätigung und diesem netten Kribbeln wie deine Freunde, die du desperate findest und für ihren Wunsch nach etwas Beständigem belächelst. Dabei sind sie die Mutigen unter uns. 
 
Es ist Zeit, ehrlich zu sein. Ich habe kein Bindungsproblem, meine Eltern lieben mich und ich gebe gerne zurück. Wenn ich jemanden wirklich mag, lasse ich mich darauf ein. Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, wenn mir jemand schreibt und es läuten auch keine Alarmglocken, wenn er das noch mal tut. Geliebt werden macht Spaß, das lasse ich mir nicht schlecht reden. Aber man muss ja auch nicht jeden Trend mitmachen.

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