Beim Kennenlernen Fresse halten.

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Ich muss zugeben, in Sachen Dates bin ich für eine Mit-Zwanzigerin unerfahren. Nachdem ich mich einmal mit 15 ganze drei Stunden in einem Eiscafé Venezia ketterauchend um Kopf und Kragen redete, habe ich beschlossen, dass klassische Dates nichts für mich sind. Oder, dass ich nichts für klassische Dates bin. Diese wir-schauen-uns-tief-in-die-Augen – Situationen habe ich schon immer eher anstrengend als romantisch empfunden. Anschließende Spaziergänge und diese Abschiedssituation, die einfach immer peinlich ist, empfinde ich als unnatürlich.

Deshalb habe ich mir angewöhnt, Dates zu überspringen und gleich zum wesentlichen Teil des Kennenlernens überzugehen. Damit umschiffe ich mehr oder weniger clever das Minenfeld der was-machst-du-so-Fragen und starte fast direkt mit meiner Paradedisziplin. Bis Frau dort richtig punkten kann, muss sie nur eine Hürde nehmen: Der erste Kontakt. Man glaubt ja, Männer hätten hier die Arschkarte (stimmt auch!) aber für Frauen ist das Ganze auch kein Kinderspiel. Als sehr gutmütiger und geduldiger Mensch habe ich mich schon auf viele Arten vollquatschen lassen und alles, was irgendwie abseits des Mainstreams war, zunächst wohlwollend zur Kenntnis genommen. Trotzdem war keines dieser Gespräche im Ansatz so magisch oder folgenreich wie diese Begegnungen, die (fast) ohne Worte auskamen. Wie kommt das? Ich habe zwei Erklärungen:

  1. Magischer Feenstaub fällt vom Himmel und fliegende und glitzernde Tintenfisch-Pflanzen aus Avatar verschießen kleine Liebespfeile. Das Ding ist sofort geritzt.
  2. Du hältst die Fresse.

Ich habe mich etwas in meinem Freundeskreis umgeschaut und stelle fest, Fresse halten würde vielen von uns gut tun (mich eingeschlossen). Die wenigsten – mir fallen auf Anhieb zwei Leute ein – sind in der Lage und haben Spaß daran, entspannt und flirty zu smalltalken. Für den Rest meiner Freunde ist es peinlich, anstrengend und ohnehin nur möglich, nachdem das entsprechende Bier-Level erreicht ist. Jetzt könnte man meinen, meine Freunde und ich sind weirde Sozialphobiker. Ich finde uns nur ehrlich.

In den seltensten Fällen findet man ein gemeinsames Gesprächsthema, das es Wert ist, besprochen zu werden und das man nicht nur des Gespräches wegen bespricht. (Ich habe schon ein paar Mal erlebt, dass Typen offensichtlich vorher zurecht gelegte Themen abgespult haben. Macht man das so?!) Ist dieser Glücksfall eingetreten, musst du trotzdem irgendwann ein anderes Thema finden. Du kannst schließlich nicht stundenlang auf der Berliner Clubszene, deinem Lieblings-Game of Thrones-Charakter oder deinem Sozialanthropologie-Studium rumreiten. Glücklicherweise gibt es auch noch deinen Gegenüber, der wie du seit 10 min alle möglichen Themen auf Kompatibilität mit dir prüft und vielleicht noch einen netten Aufhänger parat hat. Wenn nicht, und spätestens nachdem ihr weitere wertvolle Zeit mit Reden vertrödelt habt, ist es jetzt Zeit für den Absprung.

Sei mutig, mach Nägel mit Köpfen und halt am besten die Klappe dabei. Wie eben schon dargelegt ist der Großteil männlicher datebarer Singles Smalltalk-unfähig. Solltest du ihn nach den ersten Minuten immer noch toll finden, habt ihr beide außerordentliches Glück. Versau’s nicht! Lass ihn nicht weiter quatschen, sonst, … naja er wird dir nicht mehr gefallen. Die wenigsten Männer erscheinen attraktiver umso länger man sich mit ihnen unterhält – zumindest beim Kennenlernen. Nicht zu vergessen ist außerdem der steigende und dann sinkende Alkohol-Pegel. Ich habe keine Frau nach einer Party jemals sagen hören: „Erst fand ich ihn so naja, aber dann haben wir uns stundenlang unterhalten, und plötzlich fand ich ihn sexy.“. Das gilt für Männer genauso. Es gibt immer einen Grund, warum der Funke kein Feuer entfacht.

Der Zauber wird mit jedem Lachen, jedem Witz von ihm nachlassen, und spätestens nach einer halben Stunde fragst du dich, wie du ihn überhaupt in Betracht ziehen konntest. Leider ist das fast immer so. Deshalb: Lass es nicht soweit kommen! Provoziere einen Kuss, flüster‘ ihm etwas nettes betrunkenes ins Ohr und schlepp ihn ab. Abenteuer und Story sind es Wert!

Es könnte aber noch schlimmer kommen. Ihr habt vor lauter gemeinsamer Interessen ganz vergessen, euch zu betrinken. Jetzt ist die Party vorbei und keiner von euch hat den Mut zu fragen, wie es weiter geht. Und irgendwie fühlt sich das auch blöd an, ihr habt euch schließlich so toll unterhalten, und jetzt willst du nichts riskieren. Nicht, dass er dich noch für oberflächlich hält. Darum machst du gar nichts. Und er auch nicht. Ihr geht getrennt nach Hause. Gut gemacht.

Mach dir nichts vor, deine Entscheidung fällt viel früher und hat nichts mit eurem Gespräch zu tun. Kennen lernen könnt ihr euch auch später. Am Anfang gilt: Reden ist Silber – Fresse halten ist Gold.

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